KARL ALBERT

Regisseur
Moderator
Autor
Produzent

 
 

GEDANKEN ZUR THEATERARBEIT

Das 20. Jahrhundert hat so viele Veränderungen gebracht wie wohl keines der vergangenen Jahrhunderte. Das betrifft auch und besonders den Bereich der Kultur, und hier wiederum besonders die Gattung der darstellenden Künste. Zu Beginn des Jahrhunderts war es selbstverständlich, daß sich eine Bühnenproduktion so weit wie möglich an die originalen Regie- und Bühnenbildanweisungen des Autoren hielt, wobei die Personenführung eine untergeordnete Rolle spielte. In der Endzeitstimmung der Zwanziger und Dreißiger Jahre dann, die in kultureller Hinsicht vom Aufkommen des Tonfilms geprägt wurden, suchte man nach neuen Möglichkeiten, um mit dem neuen Medium konkurrieren zu können. Auffallendste Merkmale dieses neuen Stils waren eine veränderte, "modernere" Ausstattung und eine manchmal bis ins groteske gesteigerte Personenführung, denn diese Elemente fallen zuerst und am deutlichsten auf.

Nach dem kulturellen Zusammenbruch durch den Zweiten Weltkriegs dann wollte und mußte man, zumindest in Deutschland, bewußt neue Wege beschreiten, um sich von der dunklen Vergangenheit zu distanzieren - ein notwendiger und wichtiger Weg, der allerdings in der Folge zu einer regelrechten Gier nach Neuem, Sensationellen führte. Irgendwo auf diesem Weg ging die Fähigkeit verloren, zwischen Traditions-Pflege, der Grundlage einer jeden Kultur, und ihrem Mißbrauch zu unterscheiden. "Traditionell" wurde mit der Zeit zu einem Schimpfwort, es entstand der Begriff der "musealen Kunst". Emotion, das Hauptelement nazistischer Verführung, wurde zunehmend als anrüchig betrachtet; um nicht in Verdacht zu geraten, drängte man die offen gezeigte Emotion weiter und weiter zurück. Diese "Modernisierung", vielfach nur eine Flucht vor dem verantwortungsvollen Umgang mit der Emotion, wird geprägt durch Politisierung und Verfremdung in der Maske einer "aktualisierten" Darstellung. Eine solche illusionslose Darstellungsweise ist für den Zuschauer kaum nachvolliehbar, da sie selbst ausschließlich dem subjektiven Empfinden des Verantwortlichen entspringt. Zudem haben sich die Bedürfnisse des Publikums dramatisch verändert. In einer von Existenzkämpfen und sozialer Kälte geprägten Welt sucht und braucht das Publikum heute die Möglichkeit zur Entspannung, zum zeitweiligen Abschalten vom Alltag sowie in ganz besonderem Masse positive Visionen, die Hoffnung machen. Dazu bietet, neben dem Kino, das Theater die idealen Voraussetzungen, denn hier kann sich der Zuschauer statt mit seinen eigenen drängenden Problemen für kurze Zeit mit fremden Schicksalen identifizieren. Dieses Bedürfnis wird oft als "Alltagsflucht" bezeichnet und somit negativ bewertet. Dabei wird übersehen, daß Erholung eine notwenige Voraussetzung ist für die Bewältigung des Alltags ist. Diese positive zu beurteilende Erholung bleibt dem Zuschauer jedoch verwehrt, wenn ihm auf der Bühne dieselben Probleme, das gleiche Ambiente vorgeführt werden, von denen er sich durch seinen Besuch zu erholen hoffte.

Nun wird allzu oft ein Eingehen auf die Bedürfnisse des Publikums als Anbiederung verunglimpft - eine mehr als befremdliche Bezeichnung. Ist es nicht stattdessen so, daß sich Menschlichkeit, also Verständnis und Mitgefühl, im Eingehen auf die Bedürfnisse zeigt? Außerdem - ist es nicht die erste und vornehmste Aufgabe der Kultur im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen, die Menschen in humanistischer Hinsicht zu bilden, eine Vorbildfunktion in Punkto Menschlichkeit, Mitgefühl, Verständnis zu übernehmen? Noch einmal meine persönliche Meinung: Wenn ich dem Publikum stets nur unlösbare Konflikte vorführe, wenn ich ihn nur die negativen Seiten des Lebens auf der Bühne sehen lasse, ohne gleichzeitig die Möglichkeit zu einer positiven Entwicklung, eines anzustrebenden Ideals aufzuzeigen, woher soll der Zuschauer dann den Mut und die Zuversicht nehmen, auf eine positive Entwicklung, einen Idealzustand hinzuarbeiten?

Meine Überzeugung ist es, daß das Theater wesentlich zu einer menschlicheren Welt beitragen kann, allerdings nur, indem es eine menschlichere Welt zeigt, indem es dem Zuschauer vorführt, daß positive Empfindungen nicht der Ausdruck von Schwäche sind, sondern die Äußerung menschlicher Stärke. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es nicht notwenig, ja, oft sogar störend, Werke zu aktualisieren. Natürlich gibt es Werke, die eine Aktualisierung vertragen oder sogar verlangen, in den meisten Fällen aber verstellt eine zeitliche Veränderung, die ja immer zugleich auch Verfremdung bedeutet, den Blick auf den emotionalen und humanistischen Gehalt des jeweiligen Werks. In vielen Fällen ist es sogar so, daß Werke durch eine Aktualisierung unglaubwürdig werden, weil die zeitgebundenen moralischen oder gesellschaftlichen Hintergründe und Motivationen für eine andere Zeit keine Gültigkeit besitzen. Tritt dieser Fall ein, wird dem Zuschauer die Möglichkeit zum "Mit-Erleben", zum emotionalen Nachempfinden genommen - übrig bleibt das reine Konsumieren der Aufführung ohne wirkliche innere Beteiligung. Damit sind die Möglichkeiten des Theaters verschenkt, die Aufgabe verfehlt.

Ziel meiner Arbeit ist daher, dem Werk wie dem Publikum gerecht zu werden, ohne Angst vor Emotionen, ohne Flucht vor Traditionen. Wenn die Zuschauer frohgestimmt das Theater verlassen, so wird sich das positiv auf ihr Verhalten auswirken, und wenn ich mit einer Aufführung beispielsweise von La Boheme erreiche, daß zehn Zuschauer zu Tränen gerührt sind, so habe ich mehr erreicht, als wenn hundert Zuschauer wütend das Theater verlassen, denn im ersten Fall hat die Welt ein klein wenig an Wärme, an Mitgefühl gewonnen, und das ist es, was heute vorrangig wichtig sein sollte.


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© 2007 Karl Albert